Die Welt des Rosenkranzes in Gemeinschaft mit dem Predigerorden
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Wiederentdeckung des Rosenkranzes - Fr. Carlos AZPIROZ COSTA, o.p. - Ordensmeister

Freitag 18. September 2009

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1. Januar 2008
Hochfest der Gottesmutter Maria
Weltfriedenstag



Liebe Brüder und Schwestern,

In einigen Tagen, am Hochfest der Epiphanie, beschließen wir das Jubiläumsjahr und danken dem Herrn für die 800 Jahre der Existenz der Nonnen unseres Ordens. Es war ein Jahr reichen Segens, das sich nicht nur auf den ganzen Orden, sondern in der Tat auch auf die Kirche im weiteren Sinn auswirkte. Ich freute mich, so viele kreative Initiativen seitens der Nonnen zu sehen. Es wurden Bücher herausgegeben, Hymnen komponiert, neue Forschungen über die ersten Gründungen durchgeführt, und ihr kontemplatives Gebet wurde und wird erneuert. In der Tat, der ganze Orden gelangte zu einem besseren Verständnis, dass die Nonnen im Herzen des Ordens sind und dass das Fundament unserer Verkündigung nichts Geringeres ist als die tiefgründige Kontemplation unseres Glaubens. Ich meine, dass die Erneuerung des Lebens unserer Nonnen in direkter Verbindung zur Erneuerung des ganzen Ordens steht.

Während sich dieses Jubiläumsjahr dem Ende zuneigt, beginnen wir nun die Jahresnovene, die im Jubiläum des Jahres 2016 gipfelt: 800 Jahre seit der Bestätigung des Ordens durch den Papst. Bei unserem letzten Generalkapitel in Bogotá verlangten die Kapitularen, das wir die Zeit zwischen diesen beiden Jubiläumsjahren (2006-2016) dazu nützen, in eine ernsthafte Erneuerung unseres Leben und unserer Sendung als Prediger einzutreten (Generalkapitel von Bogotá, Nr. 51). Deshalb möchte ich jede Entität des Ordens sowie jede Kommunität und jeden Einzelnen dazu auffordern, den langen Prozess der Erneuerung durch Reflexion, Entscheidungen und Taten, die unserem Leben als Prediger des Evangeliums entsprechen, zu beginnen.

Um für das kommende Jahr einen Schwerpunkt zu setzen, schlage ich vor, dass wir unsere Lebensweise, die eine Predigt sein soll, durch die Wiederentdeckung des Rosenkranzes als Mittel der Kontemplation und als Instrument prophetischer Verkündigung zu erneuern beginnen. Auf vielerlei Weisen ist uns der Rosenkranz als einzigartiger dominikanischer Beitrag zum Leben der Kirche entglitten. Und gleichzeitig bleibt der Rosenkranz unter uns dennoch sehr lebendig. In diesem Brief möchte ich aus der Perspektive von Erinnerung, theologischer Reflexion und Volksfrömmigkeit eine einfache Betrachtung über den Rosenkranz anbieten.


1. Erinnerung

Gestatten Sie mir einige meiner eigenen Erinnerungen zu vergegenwärtigen, die, so hoffe ich, einige ihrer eigenen wecken werden. Erinnerungen sind wichtig für die Bestimmung unserer Identität, sie geben unseren Ideen Fleisch und Blut und versetzen uns in die Lage, entscheidende Momente unseres Lebens erneut zu durchleben und neu zu deuten.

Meine erste Erinnerungen an den Rosenkranz reichen zurück in meine ersten Jahre an der Champagnat-Schule der Maristen in Buenos Aires und den ersten Rosenkranz, den ich in Händen hielt. Die Brüder flößten uns eine echte Liebe zu Maria als Mutter, die ihre geliebten Söhne und Töchter vorbehaltlos liebt, zu Maria, wie das Johannesevangelium sie darstellt, ein. Natürlich begingen wir den Marienmonat mit Prozessionen, Rosenkranz und Litaneien. Auch als junger Mensch hatte ich ein „Gesätzlein“ in meiner Tasche. Die Wiederholung des „Vaterunsers“, des „Gegrüßet seiest du Maria“ und des „Ehre sei dem Vater“ ließ dieses Gebet in meinem eigenen Leben Wurzel schlagen.

Bis heute bete ich dieses Gebet besonders gern im Gehen. Es begleitet mich durch verschiedene Landschaften, sei es auf der Straße oder in der Stadt. Es ist die „wandernde Kontemplation“, von der Fr. Vincent de Couesnongle sprach. Es beginnt den Rhythmus meiner Schritte zu prägen und gestattet mir, in der Welt, die ständig im Wandel begriffen ist, einen Halt zu finden. Es gestattet mir, der Stadt oder dem Ort, die ich nur passiere, Begegnungen, die mich mit all ihren Freuden und Hoffnungen, mit ihrem Licht und Schatten erwarten, Seele, Leben und Herz zu geben.

Unlängst, während einer unserer Exerzitientage, dachte der Generalrat über das Mysterium des Todes nach. Einer der Mitbrüder erzählte, wie sterbende Mitbrüder fast immer nach ihrem Rosenkranz verlangen, sei es auch nur, um ihn zu halten. Ich entsinne mich des Filmes „Batismo de Sangue“ (Bluttaufe), der Geschichte unserer brasilianischen Mitbrüder, die in den 70er Jahre, während der Diktatur Medicis, gefoltert wurden. Fr. Tito de Alancar ruft, als er aus dem Konventsgebäude gezerrt wird, einem Mitbruder zu, seinen Rosenkranz zu holen. Was bedeutete ihm dieser in dieser Stunde des Schreckens?

Welches sind Ihre Erinnerungen in Bezug auf den Rosenkranz? Was mögen diese für Sie bedeuten? Für mich? Was können unser theologisches Studium und unsere theologische Reflexion uns über sie sagen?


2. Theologische Reflexion

Ich meine, diese Erinnerungen sprechen zu uns von der Nähe Gottes. Beim Mysterium der Inkarnation geht es nicht nur um die Geburt des Herrn vor Jahrtausenden, sondern um die Inkarnation der Gnade oder um die Geburt Gottes in unserem eigenen Alltag. Jesus lebt, und Sein Geist fährt fort, uns zu heilen, zu lehren, zu vergeben, zu trösten und herauszufordern. Das ist nicht eine leere Abstraktion, sondern wird vielmehr sichtbar in und durch die mit den Geheimnissen des Rosenkranzes assoziierten Bilder. Die Bewusstheit der Inkarnation nimmt zu, während man diesen Bildern gestattet, sich mit den Sorgen unseres eigenen Alltags zu kreuzen. Somit ist der Rosenkranz zutiefst inkarnatorisch, biblisch, christozentrisch und zeitnah.

Ganz offensichtlich ist der Rosenkranz marianisch. Seien wir uns klar, was das bedeutet. In Maria verbinden sich Gottheit und Menschheit, das Geschöpf wird mit dem Schöpfer eins. In Maria erkennen wir sowohl unsere Identität als auch unsere Bestimmung. . Wir sehen diese heilige Communio von Gott-mit-uns und Gott-in-uns. Wir erkennen, dass unser Gott Gott-für-uns ist – Erlöser und Retter, Heiligmacher und Verklärer.

In der Tat ist Maria die zentrale Figur unseres Glaubenslebens. Während wir an sie als Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Hl. Geistes denken, sollten wir sie auch als Glaubende im Tal der Finsternis und als Hoffende sehen, wenn wir mit einer Situation der Verzweiflung konfrontiert werden. Man kann sie sehen als Beschützerin von schwangeren Frauen, die in Armut gebären, als Patronin jener, die in fremde Länder auswandern, um zu überleben, und als eine, die wacht, wenn ihr Kind verhaftet, gefoltert und getötet wird. Und dennoch sehen wir durch all das hindurch den Triumph ihres Glaubens, ihrer Hoffnung und Liebe. Papst Johannes Paul lud uns ein, das Antlitz Christi durch die Augen Mariens zu betrachten.

Was mag das für uns bedeuten? Als Ordensmeister bin ich ein Missionar, der seine in aller Welt verstreuten Brüder und Schwestern stärkt. Ich höre ihre Geschichten und sehe ihre Wirklichkeit. Ich entsinne mich der Gesichter schwer verwundeter christlicher Familien in Bahalwalpure (Pakistan 2001), der Nachbarn unserer Schwestern in den ärmsten Slums von Kinshasa (Kongo), der Kinder, die uns im Kamerun nachliefen, im Bürgerkriegsgebiet von Campodos (Tibu), Kolumbien, der Familien, die vor Gizo in den Salomonischen Inseln oder auf dem Fluss Urubamba im peruanischen Amazonasgebiet vom Boot aus Fischfang betrieben. Diese Bilder begleiten die Geheimnisse, und so wird der Rosenkranz zu meiner Fürbitte, die sich mit der Mariens verbindet, indem die der Heilung Bedürfenden Jesus zu Füßen gelegt werden.

Unsere Welt scheint ständig von Krieg zerissen zu werden. Mein erster Gedanke gilt dem von Krieg zerrütteten Irak und dem nicht weit davon entfernten, ständigen Blutvergießen zwischen Israelis und Palästinensern. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Kriege und der Zerstörung auf dem ganzen Planeten. In den schlimmsten Augenblicken griffen die Menschen nach dem Rosenkranz und beteten um den Frieden. In der Tat, richtete sich nicht darauf die Fatima-Andachten für die Bekehrung Russlands, und wurde Maria nicht als Königin des Friedens angerufen? Verniedlichen wir gleichzeitig nicht die kalten Kriege, die innerhalb von Familien, Gemeinschaften und innerhalb unseres Herzens und unserer Seele weitergehen. Kann nicht der Rosenkranz uns zum Frieden führen? In diesem Jahr begehen wir auch den 50. Todestag von Fr. Dominique Pire, unseres belgischen Mitbruders, dem für die Schaffung von Friedensinseln der Nobelpreis verliehen wurde. Vielleicht wurde er von seinen Betrachtungen während des Rosenkranzgebets für den Frieden zu diesem Projekt angeregt.

Die Worte der meine Betrachtungen begleitenden Gebete sprechen vom Reich Gottes, vom täglichen Brot, von der Befreiung vom Bösen, von der Frucht des Leibes, von Sündern und von der Stunde des Todes. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht der Wille Gottes, dass Menschen mit Füßen getreten werden. Brot ist zum Teilen da. Vergebung ist zu gewähren. Die gesegnete Frucht des Leibes der Frau ist heilig. Ja, die Worte der Hl. Schrift und unsere gelebte Betrachtung machen den Rosenkranz sowohl zu einem prophetischen als auch zu einem kontemplativen Gebet, zu einem Gebet, das zugleich ankündigt und anprangert, zu einem tröstenden und verwandelnden Gebet. Die Worte, die die Dreifaltigkeit preisen, fordern uns auf, ohne Unterordnung in Gemeinschaft zu leben, in der jede Person ganz offen und verfügbar für die andere ist. Ja, Gottes Wille wird geschehen, und so verzweifeln wir nie. Unsere Verkündigung ist erfüllt von Hoffnung, denn: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkündigen wir: das Wort des Lebens“ (1 Joh 1) – das ist unser Thema. In der Gesellschaft Jesu lebend, wie Maria, werden wir zu den Jüngern und Aposteln, die die Welt braucht und die Gott begehrt.


3. Volksfrömmigkeit

Nach dem Zweiten Vatikanum tendierten wir dazu, die Bedeutung der Volksfrömmigkeit herunterzuspielen. Es war richtig, dass wir Nachdruck auf Bibelstudium und größere Beteiligung an der Liturgie legten. Dabei spielten wir jene volkstümlichen Ausdrucksformen herunter, die das religiöse Gefühl besser zur Geltung brachten, z.B. Segnung, Prozessionen, Wallfahrten, Rosenkranzandachten usw. Nun, nach vierzig Jahren Erfahrung, erkennen wir, dass die Menschen, junge wie alte, diese Ausdruckformen brauchen, um die Gnade Gottes zu entfachen (vgl. 2 Tim 1, 6).

Diese Volksfrömmigkeit behauptet sich noch immer an den großen Marienwallfahrtorten in allen Teilen der Welt. In diesem Jahr feiern wir 150 Jahre Lourdes (Frankreich) und 90 Jahre Fatima (Portugal); dies sind nur zwei Wallfahrtsorte, die jedes Jahr buchstäblich Millionen von Menschen anziehen. Man denke auch an Guadalupe (Mexiko), Tschenstochau (Polen), Knock (Irland), Chiquinquira (Kolumbien), Coromoto (Venezuela), Lujan (Argentinien), Manaoja (Philippinen) usw. Fast jedes Land der Welt hat sein Nationalheiligtum, das die Gläubigen von Nah und Fern unter der mütterlicher Umarmung durch U.lb. Frau versammelt.

Noch immer sehen wir in Autos Christophorusmedaillen sowie Rosenkränze, die am Rückspiegel hängen, Altärchen in Wohnungen oder Statuen im Garten. Da sind die Aschenauflegung zu Beginn der Fastenzeit und die Palmzweige zu Beginn der Karwoche, die uns die religiösen Empfindungen der Menschen kundtun. Das sind Rituale, die dem Leben gewöhnlicher Menschen eine gewisse Ordnung und Stabilität, einen gewissen Rhythmus und eine gewisse inkarnatorische Dimension verleihen und sie befähigen, Momente größerer religiöser Intensität zu erleben. Können wir Dominikaner diese Volksfrömmigkeit im Hinblick auf etwas uns Eigentümliches, den Rosenkranz, zurückgewinnen?

Ich bin zu der Auffassung gelangt, den Rosenkranz als wirklich geliebtes universales Gebet zu sehen. Ob in Italien oder in der Ukraine, in Mexiko oder den Vereinigten Staaten, den Philippinen oder Vietnam, Kenia oder Nigeria, man findet dort den Rosenkranz, er wird gebetet und geliebt. Ich meine, ein Grund dafür ist, dass er sowohl eine greifbare Wirklichkeit als auch ein Gebet ist. Fast jeder Katholik besitzt einen. Man macht ihn zum Geschenk. Ob er allein gebetet wird oder in Gemeinschaft, es handelt sich um ein Ritual. Es ist etwas, das wir anfassen, in Händen halten und nach dem wir sogar in schwierigen Augenblicken unseres Lebens greifen; es ist wie das Ergreifen der Hand Mariens selber. Der Rosenkranz wird uns „in der Stunde unseres Todes“ in die Hände gegeben und auch danach, wenn wir beerdigt werden. Die Gebete des Rosenkranzes sind Zusammenfassungen unseres Glaubens. Diese Gebete zu lernen, ist wie das Lernen des Sprechens; es ist der Beginn unseres Gebetslebens; ja, und es ist auch das Ende unseres Gebetslebens – „Dein Wille geschehe“ „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. In der Jugend bekommen wir einen Rosenkranz, er wird uns bei der Einkleidung gegeben, und wenn wir beerdigt werden, haben wir einen an der Seite.


Schluss

Ich habe Ihnen einige meiner Überlegungen mitgeteilt. Ich hoffe, sie seien einfach und tief, vielleicht mehr eine Betrachtung und von Herzen kommende Überlegungen als irgendetwas anderes. Beim Generalkapitel in Bogotá wurde mir das Privileg zuteil, Fr. Louis-Marie Ariño-Durand von der Provinz Toulouse zum neuen Generalpromotor des Rosenkranzes zu ernennen. Er ist dabei, eine umfassende Webseite zu entwickeln, und wird sie weiterzuentwickeln, die Ihnen während des kommenden Jahres nützlich sein kann. Meinerseits bitte ich Sie, ihm dabei zu helfen, indem Sie auf seine Anliegen eingehen. Zusammen können wir eine Webseite aufbauen, die der ganzen Kirche dienlich sein kann. Sie ist zu finden unter www.rosarium-op.org.

Können wir, da wir diese Jahresnovene zur Vorbereitung auf die Jubiläumsfeier des Jahres 2016 beginnen, das kommende Jahr, Epiphanie 2008 bis Epiphanie 2009, zur Wiederentdeckung des Rosenkranzes in unserem persönlichen Leben, in unserem Gemeinschaftsleben und in der Erneuerung unserer Verkündigung nützen, die sowohl kontemplativ als auch prophetisch ist? Können wir helfen, die Volksfrömmigkeit unserer Leute zu prägen, indem wir erneut Rosenkranznovenen, Missionen, Prozessionen oder Wallfahrten entfalten? Können wir unseren Meister durch die Augen des perfekten Jüngers betrachten? Können wir den Sohn durch die Augen der Mutter betrachten? Können wir unsere Welt betrachten als eine, die zutiefst der Verwandlung durch das Evangelium bedarf? Können wir dahingelangen, leidenschaftlich mit der Kreativität Gottvaters und Mariens, der Mutter des geliebten Sohnes, zu leben und zu predigen?

Ich bin dankbar für die Gelegenheit, Ihnen meine Überlegungen mitzuteilen. In den kommenden Monaten wird der Generalrat die verschiedenen Schritte und Themen für die nächsten Jahre dieser laufenden Erneuerung unseres Lebens und Sendung umreißen. Ich bitte die Provinziale, Generalvikare, Priorinnen und Vorsitzenden unserer Laiengemeinschaften, dafür zu sorgen, dass dieser Brief unter ihren Mitgliedern kursiert. Seien Sie versichert, dass ich Ihrer während dieses Neuen Jahres oft im Gebet gedenken werde. Meinerseits bitte ich um das Ihrige.

Brüder und Schwestern, gehen wir zusammen diesen Weg der Erneuerung. Machen wir uns auf den Weg mit dem Vertrauen, dass Dominikus in Maria, die Muttergottes setzte.

Im hl. Dominikus Ihr


Fr. Carlos Azpiroz Costa O.P.
Ordensmeister


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