Fr. Vladimir KOUDELKA, o.p.
Mittwoch 23. April 2008
| Am 7. Okt. 1995 fand im Dominikanerinnenkloster Wil (Schweiz) das sechste Treffen der Familia Dominicana statt. Dabei sollten „neue Zugänge zum Rosenkranz“ gesucht werden. Der Tag wurde eröffnet mit einem Vortrag von fr. Vladimir Koudelka, OP, zur Entstehung des Rosenkranzes. Dieser fand so grosses Interesse, dass er in OIKIA (Nr. 85, Verbindungsblatt der Schweizer Dominikaner und der Familia Dominicana) abgedruckt wurde.
Eine überarbeitete und erweiterte Fassung erschien später in der SIGMA - Reihe:
Das Rosenkranzgebet (Entstehung und Erneuerung) (SIGMA 5)
Gedruckt in der Paulusdruckerei, CH-1700 Freiburg, 1996 Hier ist der Vortrag, der in OIKIA abgedruckt wurde: |
Vorgeschichte
Auch wenn es in der Schweiz seit der Reformation keine Dominikaner mehr gab, waren sie in sehr vielen Kirchen auf den Rosenkranzaltären durch Dominikus und Katharina von Siena vergegenwärtigt. Wie Katharina zur Ehre kam, bei der Überreichung des Rosenkranzes durch Maria an Dominikus dabei zu sein, ist mir rätselhaft. Es ist übrigens auch verwunderlich, dass das offizielle deutschsprachige Direktorium und ebenso das Stunden- und Messbuch Katharina noch heute als „Ordensfrau“ kennzeichnen.
Überall wo heute noch in den Kirchen Rosenkranzaltäre stehen, gab es Rosenkranzbruderschaften. Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, welche Bedeutung diese Bruderschaften im religiösen Leben der damaligen Christen hatten. Die Versammlung der Bruderschaft am ersten Sonntag im Monat dauerte oft drei Stunden. Vor jedem Geheimnis wurde gepredigt, die Ave wurden gesungen. In der anschliessenden Prozession gingen das einfache Volk, reiche Bürger und sogar Adelige Seite an Seite.
Die soziale Dimension der Bruderschaften drückte sich in der Unterstützung der armen Mitglieder aus. Das Volk wusste nicht, dass z.B. Thomas von Aquin ein Dominikaner war, glaubte aber fest daran, dass das Rosenkranzgebet dem hl. Dominikus offenbart wurde. Heute wissen wir, dass es nicht so war. In den Quellen zum Leben des Dominikus finden wir keine Spur davon. Diese Art des Gebetes wäre auch der religiösen Mentalität des 13. Jahrhunderts ganz fremd gewesen. Der Rosenkranz konnte erst im 15. Jahrhundert entstehen
Neue Geisteshaltung im ausgehenden Mittelalter
Im 14. Jahrhundert vollzog sich im menschlichen Denken ein Umbruch. Der Mensch rückte allmählich in den Mittelpunkt, und Gott wurde an den Rand gedrängt (Humanismus). Das bedeutet nicht, dass die Menschen ungläubig wurden. Im Hochmittelalter hatte alles Ewigkeitscharakter, alles war gläubig geordnet, wie die gothischen Kathedralen oder die theologischen Summen. Wie die Kathedralen, welche in der Mitte der Stadt gebaut wurden, war auch Gott der Mittelpunkt des Denkens, des Lebens, des Kirchenjahres und des Alltags. Schon am Anfang des 14. Jahrhunderts bekam der universelle und, wie man meinte, der ewige Bau, Risse. Es entstand ein neues Wertbewusstsein. Das Individuelle und Profane erhielt seinen Wert. Während im Hochmittelalter der Glaube der tragende Grund der Weltanschauung war, was eine einheitliche, geschlossene Kultur zur Folge hatte, suchte man später Wahrheit und Wirklichkeit nicht mehr theozentrisch, also von Gott her , zu begründen, sondern anthropozentrisch, also vom Subjekt her. Leider kann ich dies hier nicht weiter ausführen. Aber ohne Kenntnis dieser neuen Geisteshaltung im 14. Jahrhundert können wir z.B. Katharina von Siena und das Scheitern ihrer Anliegen nicht verstehen.
Katharina dachte heilsgeschichtlich, also von Gott her; viele Menschen, mit welchen sie zu tun hatte, dachten vom Menschen her und auf den Menschen hin (Säkularisation). Deshalb redeten sie aneinander vorbei. Hier erwähne ich nur eine Folge der neuen Geisteshaltung für das religiöse Leben und seine Frömmigkeits- und Andachtsformen, die zum Verständnis des Rosenkranzgebetes beitragen. Leider haben beide Wörter heute einen abschätzigen Inhalt bekommen. Ursprünglich bedeutete Frömmigkeit „Tüchtigkeit“ (so noch bei Luther) und Andacht „sich zu seinem Ursprung zurückführen (Thomas).
Die neue religiöse Mentalität wurde, neben den erwähnten Veränderungen im menschlichen Denken, noch von zwei wichtigen Ereignissen beeinflusst. Vom „Schwarzen Tod“, der Pest, die vor allem von 1348 - 1350 in Europa wütete und einen Drittel der Bevölkerung hinwegraffte, und zweitens (seit 1378) vom Papstschisma. Durch die Pest bekam der Mensch seine Relativität zu spüren, auch wenn das Durchschnittsalter damals 40 Jahre betrug. Er war zwar immer noch gläubig, nahm sich aber so wichtig, dass ihm das unerschütterliche Vertrauen auf Gott fehlte und er deshalb mit der Angst zu tun bekam. Der Mensch kompensierte diese Angst mit zahlreichen frommen Stiftungen, Totenoffizien, Gedächtnissen, um so Gott gnädig zu stimmen.
Diese Geisteshaltung fand auch Einzug in die Kunst. Statt des erhöhten, triumphierenden Christus wurde Jesus immer häufiger als geschundener Mensch, als Schmerzensmann oder in einer leidenden Gruppe der Pietà dargestellt. Die menschliche Relativität, verbunden mit Angst, kam dann literarisch im „Ackermann von Böhmen“ und bildlich in den Darstellungen des Totentanzes zum Ausdruck. Das Papstschisma (1378) verstärkte noch die Skepsis, die schon früher breite Schichten der Bevölkerung erfasst hatte. Zweifel kamen auf gegenüber der kirchlichen Hierarchie und auch gegenüber staatlichen Strukturen. Die Christenheit war in zwei Lager mit zwei Päpsten gespalten - seit 1409 mit drei. Ein Papst exkommunizierte den anderen und zugleich alle Länder, die zu ihm hielten. Die ganze westliche Christenheit war exkommuniziert, und niemand wusste, wer der rechtmässige Papst war.
Dazu kam Skepsis gegenüber Theologie und Theologen, die sich immer mehr in unfruchtbaren Spekulationen verloren. Das hatte zur Folge, dass die guten Christen nichts mehr von der offiziellen Kirche, von der staatlichen Autorität oder von der Theologie erwarteten und sich in die Abgeschiedenheit ihrer Kammer zurückzogen. Somit ergab sich in der religiösen Tradition eine „Rückzugsbewegung“, wie ich sie nennen möchte, die sogenannte „Devotio moderna“, die moderne Frömmigkeit, in deren Schoss das Rosenkranzgebet entstand.
Moderne Frömmigkeit
Sie entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Niederlanden unter den Brüdern des gemeinsamen Lebens (Fraterherren), die im klösterlichen Geist zusammenlebten, ohne Ordensleute zu sein. Manche von ihnen nahmen dann die Augustinusregel an, zuerst das Kloster Wildesheim, das der Ausgangspunkt der Reformbewegung und der neuen Frömmigkeit wurde. Diese zeichnete sich durch warme und gottinnige Frömmigkeit aus, ohne theologische Spekulation. Der mystische Funke war erloschen.
Das Tugendleben in der Nachfolge Christi war für diese Menschen der königliche Weg. In der Betrachtung der Geheimnisse des irdischen Lebens Jesu fand der Mensch den wahren Trost. Die allgemeine Tendenz, die sich in dieser Zeit den Weg bahnte vom Objektiven zum Individuellen (Subjektiven), äusserte sich im Frömmigkeitsstreben, in der Betonung der subjektiven, gefühlsvollen Andachten und persönlichen Übungen.
Die objektive Liturgie, das offizielle Gebet der Kirche, verlor an Bedeutung. Diese Tendenz erreichte ihren Gipfel in der Abschaffung des Chorgebetes im Jesuitenorden. Ignatius von Loyola (gest. 1556) ersetzte das Chorgebet durch vier Stunden Meditation für die Mitglieder der Gesellschaft Jesu, die in der Ausbildung waren. (Der Dominikanerorden folgte im Jahre 1546 nach und führte zweimal täglich eine Viertelstunde Meditation ein.) Um ihre persönliche Andacht zu fördern, mussten die Mitglieder der Neuen Frömmigkeit viele geistliche Bücher lesen und Erbauungsansprachen hören (collationes). Aus der Lektüre und den Ansprachen mussten sie sich prägnante Sätze notieren, diese kauen und wiederkäuen, bis diese Gedanken ihr persönliches Eigentum wurden. Fremdes Gut bekam somit ein neues Kleid.
So entstand auch das Buch der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen (um 1420). In dieser Methode haben wir mit den zwei ersten klassischen Gebetsarten zu tun: lectio divina (das Wort Gottes hören und meditatio (sich dieses Wort aneignen). Um gut betrachten zu können, führte die moderne Frömmigkeit die Methode ein, die in der Gebetstradition früher nicht bekannt war. Dazu gab es Anleitungen und Verse, die der Meditierende auswendig lernen musste, um zu wissen, was und wann er etwas Bestimmtes meditieren sollte. In der letzten Phase dieser Richtung, wie z.B. bei Johannes Mauburnus (gest. 1501), wurde die Methode so überbetont, dass die Meditation praktisch unmöglich wurde. Die methodische Betrachtung beeinflusste nicht nur Ignatius von Loyola und Theresia von Avila, sondern trug zur Entstehung des Rosenkranzgebetes bei. Die neue Frömmigkeit war stark eucharistisch (4. Buch der Nachfolge Christi) und marianisch geprägt. Die Tradition der vielen marianischen Andachten, Litaneien, Gebete - wie z.B. die Andachten zu den sieben Freuden oder Schmerzen Mariens - waren schon vorhanden. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde manchmal den biblischen Worten: Gegrüsst seist du Maria… und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes… der Name „Jesus“ zugefügt. Nun musste man an diesen Namen nur noch die Geheimnisse des Lebens Jesu (clausulae) anhängen, und der Rosenkranz war entstanden.
Entstehung des Rosenkranzgebetes
Die Spuren führen nach Trier in die Kartause St. Alban. Der dortige Mönch, Adolf von Essen (gest. 1439) betete täglich 50 mal das Ave, und dabei meditierte er das Leben Jesu. Diese Gebetsweise versuchte er dem Novizen Dominikus von Preussen zu lehren, jedoch ohne grossen Erfolg. Diesem kam aber der Gedanke, der 50 Ave entsprechend, das Leben Jesu in ebenso viele kurze Sätze zu zerlegen und aufzuschreiben. Nun gelang ihm die Meditation. Später weitete er das Leben Jesu auf 150 Sätze aus.
Viele Klöster verlangten darauf Abschriften von diesen Meditationen. In dieser Form lernte sie auch der Dominikaner Alanus a Rupe (gest. 1475) kennen. Er propagierte diese Gebetsform und berief sich dabei auf seine „Visionen“ und verwechselte den Kartäuser Dominikus von Preussen mit dem Stifter des Predigerordens. Diese Auffassung wurde seit 1520 in päpstlichen Dokumenten bis zu Pius XII. übernommen. In dieser Zeit varierten die Geheimnisklauseln (clausulae) hinter dem Namen Jesu sehr stark und waren so zahlreich, dass diese Meditationsart nur in den Klöstern und von Menschen geübt werden konnte, die lesen gelernt und das Manuskript vor sich hatten.
Deshalb war dieses Gebet noch kein Volksgebet. Erst als man die „Geheimnisse“ auf 15 reduzierte, konnte auch das Volk diese behalten, und der Rosenkranz wurde zum Volksgebet.
Bruderschaften
Zur Verbreitung dieser Gebetsart trugen die Rosenkranzbruderschaften bei. Alanus, der vor seinem Tod eine solche Bruderschaft gründete, hatte wenig Erfolg damit. Erst die von seinem Mitbruder Jakob Sprenger (gest. 1495) in Köln im Jahre 1475 gegründete Bruderschaft verbreitete sich sehr rasch in deutschen und anderen Städten. Jakob Sprenger, in Rheinfelden geboren und nach heutigen Begriffen ein Schweizer, ist vor allem als Mitverfasser des schlimmen Buches „Der Hexenhammer“ bekannt geworden - zu Unrecht, wie es heute scheint. Aber dieses Buch, vom Dominikaner Heinrich Institoris verfasst, gehört auch zu unserer Geschichte, genau so wie viele andere „Schatten“, die uns immer bewusst sein sollten. Die Rosenkranzbruderschaften wurden zu einer geistlichen Grossmacht. Ein grosser Teil des religiösen Volkslebens im Mittelalter spielte sich in den Bruderschaften ab.
Nach dem Niedergang der marianischen Bruderschaften im 14. Jahrhundert (wie des Ordens überhaupt) sind es die Rosenkranzbruderschaften, welche das dominikanische Erbe in den folgenden Jahrhunderten in den Ländern darstellen, auch wenn es dort keine Dominikaner mehr gab.
Pius V. hat im Jahre 1569 diese Bruderschaften unserem Orden angegliedert. Nur der Ordensmeister der Dominikaner hatte die Vollmacht, diese Bruderschaften in den Kirchen zu errichten.